FALLBEISPIEL

Jürgen* hatte seit Jahren immer wieder Schwindelanfälle, bei denen er Angst bekam oder sich zumindest hinsetzen musste, um überhaupt wieder klar sehen zu können. Verständlicherweise wollte er dieses Symptom so schnell wie möglich loswerden.

Neben anderen Techniken visualisierte er in einer therapeutischen Hypnose dieses Problem, „das kam und ging, wie es ihm gefiel“ als einen ungebetenen Gast in der eigenen Wohnung. Er beschrieb den Schwindel als eine Art Einbrecher; ungewaschen, laut und finster dreinschauend, polternd und raumgreifend. Er setzte sich ungefragt auf den besten Platz auf dem Sofa und brüllte, wo denn das Bier bleibe. Jürgen verzog sich in die Küche und fühlte sich sehr unwohl, weil seine Bewegungsfreiheit so stark eingeschränkt wurde.

Nach einer Ermunterung mit ihm mal aktiv in Kontakt zu gehen, bot er ihm zögerlich ein Bier und eine Pizza an, unter der Auflage dann erst mal für eine Weile zu verschwinden. Der Schwindel – Jürgen nannte ihn Horst – stutzte etwas, wurde ruhiger und kleiner, aß die Pizza und ging, nachdem ihm Jürgen sagte, er solle das nächste mal Klingeln und sich waschen, bevor er hier herkomme.

Wenig später stand Horst in der Tür und klingelte. Er hatte versucht sich zurechtzumachen und sah bei dem leicht missglückten Versuch etwas jämmerlich aus.

Den Rest der Sitzung verbrachte Jürgen damit, sich mit Horst vertraut zu machen. Horst war ein einsamer Kerl, der eigentlich nichts Böses wollte, aber nie gelernt hatte sich zu benehmen. Jürgen gab ihm Pflichten und Rechte und Horst veränderte sich immer mehr zum Positiven und irgendwann mochten ihn sogar Jürgens Kinder und freuten sich auf Onkel Horst, der die Hecke schnitt und manchmal Geschichten aus seinem Leben erzählte, aber inzwischen immer anrief und fragte, ob er kommen dürfe.

Jürgen meinte zum Schluss, er habe jegliche Angst vor Horst verloren und ihn als Teil seiner selbst akzeptiert. Er habe auch den Eindruck, dass zuerst die Angst käme und dann der Schwindel.

Das alles passierte in einer etwa 50-minütigen Trance-Sitzung. Jürgen meinte danach, nach seinem subjektiven Gefühl habe sich der Schwindel und die Angst davor auf 15% seiner ursprünglichen Stärke verringert.

Wenige Tage nach dieser Sitzung bekam Jürgen starke und für ihn ungewöhnliche Kopfschmerzen, die schnell wieder verschwanden. Danach war er fast symptomfrei – allerdings bemerkte er verstärkt die Ängste in seinem Leben, mit denen dann weiter gearbeitet werden konnte.

 

* Name geändert